Nachruf: apl. Prof. Dr. Johannes Schwider am 03.05.2026 verstorben
Am 3.5.2026 verstarb apl. Prof. Dr. Johannes Schwider im Alter von 87 Jahren. Um sein bewegtes Leben zu verstehen, sollen im Folgenden nicht nur seine wissenschaftlichen Leistungen, sondern auch sein persönlicher Lebenslauf beschrieben werden.
Johannes Schwider wurde am 11.10.1938 in Gleiwitz (Oberschlesien) (heute Gliwice/Polen) geboren. Im Januar 1945 musste die Familie vor der anrückenden Roten Armee fliehen, wobei Johannes Schwider von seiner Familie getrennt wurde und erst nach einiger Zeit mit Hilfe eines Suchfotos wieder mit seinen Eltern vereint wurde. Die weitere Kindheit verbrachte er dann in Schalkau/Thüringen, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Bayern entfernt, wobei diese Grenze in den 50er Jahren immer undurchdringlicher wurde. Johannes Schwider studierte von 1956-1961 Physik an der TU Dresden, wobei er sein Studium mit einer Diplomarbeit zum Thema „Stufengitter und Zeeman-Effekt“ beendete.
Von 1962 bis 1987 arbeitete Johannes Schwider an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin am (Zentral)Institut für Optik und Spektroskopie. Seine Promotion zum Dr. rer. nat. machte er 1967 an der Humboldt Universität Berlin zum Thema „Absolute Planflächenprüfverfahren“.
1977 erlangte er mit einer Arbeit zum Thema „Holographisch-interferometrische Prüfverfahren für asphärische Flächen“, eingereicht an der TH Ilmenau, den Titel eines „Dr. sc. techn.“, was einer Habilitation entspricht.
Da Johannes Schwider die Arbeit unter dem DDR-Regime zunehmend belastete, kehrte er 1987 in Absprache mit seiner Frau und seinem Sohn nach einem Verwandtenbesuch in der BRD nicht mehr zurück in die DDR, was natürlich schwerwiegende Repressalien und Bespitzelungen für seine in der DDR verbliebene Familie zur Folge hatte. Dank Prof. Dr. Adolf Lohmann, dem früheren Inhaber des Lehrstuhls für Angewandte Optik der FAU, bekam Johannes Schwider im März 1987 eine befristete Stelle am Lehrstuhl für Angewandte Optik. Nach dem Ablauf der Stelle ging er Ende 1988 für 1,5 Jahre an das Heinrich-Hertz-Institut in West-Berlin. Besonders tragisch ist hier zu erwähnen, dass die Wohnung, die er dort hatte, mit Blick auf die Berliner Mauer war, so dass er wusste, dass irgendwo dahinter seine Frau und sein Sohn lebten, aber anfangs unerreichbar. Erst am 17.8.1989 durften seine Frau und sein Sohn aus der DDR ausreisen, so dass die Familie wieder vereint war. Aber auch dies ging nicht ohne persönliche Verluste, denn vor der Ausreise musste ihr Haus für einen „symbolischen Preis“ verkauft werden. Auch ein Gerichtsprozess nach der Wiedervereinigung Deutschlands konnte das Haus nicht mehr zurückbringen, sondern brachte auch noch massive Anwaltskosten, denn nach damaligem Recht war der Verkauf des Hauses rechtskonform.
Im Mai 1990 konnte Johannes Schwider dann eine permanente Stelle am Lehrstuhl für Angewandte Optik der FAU annehmen und nach Erlangen zurückkehren. Dort baute er zuerst selbst eine Arbeitsgruppe auf, die sich u.a. mit der interferometrischen Messtechnik von holografischen Linsen beschäftigte, bevor er 1994 noch zusätzlich eine große Arbeitsgruppe von PD Dr. Norbert Streibl nach dessen Wechsel zu Bosch übernahm. In der Übergangszeit zwischen der Emeritierung von Prof. Dr. Lohmann und der Annahme des Rufs nach Erlangen durch Prof. Dr. Gerd Leuchs war Johannes Schwider auch Lehrstuhl-Vertreter des damaligen Lehrstuhls für Angewandte Optik, der dann ab 1994 unter Prof. Dr. Gerd Leuchs zum Lehrstuhl für Optik wurde.

Bis Oktober 2003 leitete er dann die Arbeitsgruppe MOVE am Lehrstuhl für Optik und warb in den gut 13 Jahren fast 30 Projekte mit einem Gesamtumfang von ca. 7 Millionen Euro ein. Auch wenn Johannes Schwider erst in Erlangen zum „Hochschullehrer“ wurde und auch zeitlebens eher ein Forscher war, kann sein akademisches Wirken in 13 Jahren mit 57 Diplomarbeits-Absolventen und 27 Promotionen als äußerst erfolgreich bezeichnet werden. Auch nach seinem formalen Eintritt in den Ruhestand war Johannes Schwider noch viele Jahre lang aktiv am Lehrstuhl für Optik tätig und wirkte weiter bei vielen Projekten und der Betreuung von Studenten und Doktoranden mit. Besonders tragisch ist noch zu nennen, dass seine Frau noch vor seiner Ruhestandsversetzung 2003 verstarb. Glücklicherweise lernte er einige Jahre später eine neue Lebensgefährtin kennen, mit der er bis zum Schluss zusammen war.
Johannes Schwider war insbesondere auf dem Gebiet der interferometrischen Messtechnik tätig, anfangs im Bereich der absoluten Planflächenprüfung, später dann im Bereich der Asphären-Prüfung mit Hilfe von computer-generierten Hologrammen. Auch für die Prüfung von Mikrolinsen entwickelte er mehrere Interferometer in Auflicht und Durchlicht. Mit der Übernahme der Arbeitsgruppe Streibl kamen aber auch viele andere Projekte auf ihn zu, da damals der Sonderforschungsbereich 182 „MEMSY (Modular erweiterbares Multiprozessor System)“ zusammen mit der Informatik lief, der sich u.a. mit der optischen Freistrahlübertragung von Information beschäftigte.
1979 bekam er den Abbe Preis der Carl Zeiss Stiftung Jena für seine Arbeiten zur interferometrischen Messung von Asphären mit Hilfe von computer-generierten Hologrammen verliehen. Sein Gesamtwerk wurde auch 2005 im Rahmen der Konferenz FRINGE 2005 mit dem Hans-Steinbichler-Preis geehrt, da er „durch hervorragende Leistungen sowie zahlreiche Entwicklungen und Publikationen einen bedeutenden Beitrag für die Entwicklung der optischen Messtechnik geleistet hat.“ (Zitat aus der Festschrift zu „50 Jahre ITO, Institut für Technische Optik der Universität Stuttgart“ von 2010).
Ein paar persönliche Worte des Verfassers:
Da ich schon Oktober 1990, also wenige Monate nach der Rückkehr von Johannes Schwider nach Erlangen, als damals zweiter Diplomand in seine Arbeitsgruppe kam und später viele Jahre gemeinsam mit ihm in einem Büro saß und auch 2003 nach seinem offiziellen Ruhestand die Leitung der Arbeitsgruppe übernahm (die dann in ODEM umbenannt wurde), kenne ich ihn aus seiner Erlanger Zeit vermutlich am längsten und besten.
Johannes Schwider war stets ein hochgradig motivierter Wissenschaftler, der ein hohes Arbeitspensum absolviert hat. Ich kann mich noch an die Anfangsjahre in seiner Arbeitsgruppe erinnern, wo es besonders „berühmt-berüchtigt“ war, wenn er Urlaub hatte, da er dann noch mehr Zeit für Ideen hatte. Nach spätestens einer Woche kam dann ein Fax (email gab es damals noch nicht) mit vielen Ideen, was die Arbeitsgruppe demnächst (oder möglichst noch in seinem Urlaub) machen sollte. Auch wenn er nach außen bisweilen einen eher „mürrischen“ Charakter zeigte, besonders wenn man ihn nicht kannte, war er im tiefsten Inneren ein sehr sensibler und hochgradig verständnisvoller Mensch, der sich immer um seine Mitarbeiter sorgte und sich für sie einsetzte. Für ein wissenschaftliches Gespräch war er stets zu haben, aber auch für persönliche Probleme hatte er immer ein offenes Ohr und vollstes Verständnis. Er wird uns fehlen.
Von Norbert Lindlein
